Es gibt Abende, die Karrieren beenden. Für Reimund Girwidz, damals noch Polizeirat und Dienststellenleiter der Polizeiinspektion Wolfratshausen, war es ein solcher Abend — auch wenn er selbst bis heute der Meinung ist, dass „die Umstände ungünstig" waren und „jeder hätte in dieser Situation einen Fehler machen können."
Die Umstände, um die es geht, sind allerdings so spektakulär, dass sie einer genaueren Betrachtung verdienen. Denn was in jener Nacht geschah, hat nicht nur Girwidz' Karriere als Führungskraft beendet — es hat das gesamte Gefüge des Wolfratshauser Reviers umgekrempelt.
Die Vorgeschichte: Girwidz, stets bemüht, sich als Mann der Tat zu präsentieren, hatte sich selbst für eine Undercover-Operation gemeldet. Die Details der Operation unterliegen nach wie vor der Vertraulichkeit. Was nicht der Vertraulichkeit unterliegt — weil es in aller Öffentlichkeit stattfand —, ist das Ende der Operation: Girwidz wurde stark alkoholisiert am Steuer eines Dienstfahrzeugs angetroffen. Von seinen eigenen Kollegen.
Die offizielle Version spricht von „unvorhergesehenen Entwicklungen im Rahmen der verdeckten Ermittlung." Inoffiziell, so berichten Quellen aus dem Umfeld des Reviers, war es weniger eine Undercover-Operation als vielmehr ein Abend, der „irgendwann die Kontrolle verloren hat." Ein Beamter, der namentlich nicht genannt werden möchte, fasste es so zusammen: „Er wollte halt auch mal James Bond sein. Es hat nicht geklappt."
Die Konsequenzen folgten prompt. Girwidz wurde vom Polizeirat zum Polizeiobermeister degradiert — ein Absturz über mehrere Besoldungsstufen, der ihn auf die gleiche Ebene wie seinen Kollegen Franz Hubert stellte. Ein Mann, der ihm jahrelang unterstellt war und den er, nach eigenem Bekunden, „geformt und gefördert" habe. Hubert kommentierte die neue Konstellation seinerzeit mit den Worten: „Jetzt sind wir Partner." Es klang nicht wie eine Drohung, aber auch nicht wie ein Versprechen.
Was folgte, war ein Mann im freien Fall. Girwidz' Frau verließ ihn. Er zog in eine Zwei-Zimmer-Wohnung in der Sauerlacher Straße. Und als wäre die Demütigung nicht groß genug, musste er kurze Zeit später — nach einer internen Disziplinarmaßnahme, über deren Hintergründe das Präsidium bis heute schweigt — vorübergehend an der Kasse eines Supermarkts in Geretsried aushelfen. An Kasse 3. Ein ehemaliger Polizeirat. An der Scannerkasse. „Haben Sie eine Payback-Karte?"
Diese Zeitung konnte mehrere Augenzeugen befragen, die Girwidz an besagter Kasse beobachtet haben. „Er hat die Waren gescannt, als würde er Fingerabdrücke nehmen", berichtet ein Kunde, der namentlich nicht genannt werden möchte. „Sehr gründlich. Sehr langsam. Die Schlange ging bis zur Tiefkühltruhe." Ein anderer Zeuge erinnert sich, dass Girwidz einen Kunden, der Dosenbier aufs Band legte, „mit einem Blick bedachte, der eindeutig aus der Verbrecherkartei stammte."
Girwidz selbst bestreitet die Episode nicht, verweist aber darauf, dass es sich um eine „vorübergehende Maßnahme zur beruflichen Neuorientierung" gehandelt habe. Hubert soll dazu nur gesagt haben: „Kasse 3, bitte." Und dann gelächelt. Was bei Hubert selten vorkommt und deshalb umso mehr wiegt.
Heute ist Girwidz zurück im Revier. Als Polizeiobermeister, nicht als Polizeirat. An einem Schreibtisch, nicht an der Kasse. Aber der Absturz hat Spuren hinterlassen. Der Mann, der einst die gesellschaftliche Elite Wolfratshausens zu seinen Freunden zählte — oder es zumindest versuchte —, isst nun seine Currywurst allein.
Man könnte Mitleid haben. Man könnte aber auch festhalten: Ein Dienststellenleiter, der betrunken fährt, hat seinen Posten nicht verdient. Die Degradierung war richtig. Die Frage ist, ob die Öffentlichkeit das Recht hat, mehr über die Umstände zu erfahren. Diese Zeitung meint: Ja.
Das Polizeipräsidium Oberbayern Süd wollte sich auf Anfrage nicht zu den Personalien äußern und verwies auf den „abgeschlossenen disziplinarrechtlichen Vorgang." Der Supermarkt in Geretsried hat Girwidz' Beschäftigungsverhältnis weder bestätigt noch dementiert.