Wolfratshausen — Es gibt Tage, an denen Martin Riedl das Gefühl hat, dass das Universum es gut mit ihm meint. Sie sind selten, diese Tage, und sie kommen meist ohne Vorwarnung. Mittwoch war so ein Tag.
Gegen 14 Uhr stellte der Polizeimeister fest, dass sein Dienstfahrrad — jenes Zweirad, das durch die chronische Unpässlichkeit von Wagen 3 zu seinem wichtigsten Arbeitsmittel geworden ist — nicht mehr an seinem Stammplatz vor dem Revier stand. Riedl meldete den Vorfall pflichtgemäß seinen Kollegen. Hubert hob den Blick vom Bericht und sagte: „Hast du abgesperrt?" Eine Frage, die Riedl mit einem längeren Schweigen beantwortete.
Was folgte, war das, was man in der Kriminologie als „klassische Eigeninitiative" bezeichnen würde, wenn es nicht Martin Riedl gewesen wäre. Der Polizeimeister begab sich auf eigene Faust auf Spurensuche. Er befragte den Kioskbesitzer gegenüber dem Revier, der jedoch „nichts gesehen, nichts gehört und überhaupt gerade Mittagspause" gehabt habe. Er überprüfte die angrenzenden Seitenstraßen. Er fertigte, mit einem Kugelschreiber auf einem Notizblock, eine maßstabsgetreue Skizze des Tathergangs an, die Girwidz später als „erstaunlich detailliert, wenn auch ermittlungstechnisch vollkommen nutzlos" würdigte.
Die Lösung des Falls ergab sich gegen 15:30 Uhr, als Riedl von seiner Suche zum Revier zurückkehrte und das Dienstfahrrad an seinem Stammplatz vorfand. Es war offenbar von einem Jugendlichen „ausgeliehen" und nach einer kurzen Spritztour zurückgebracht worden. Der junge Mann — ein 16-Jähriger aus Geretsried — hatte das Rad direkt vor dem Revier abgestellt, wobei er sich offenbar nicht bewusst war, dass er es vor einer Polizeistation entwendet hatte.
Riedl identifizierte den Täter anhand von Überwachungsaufnahmen der Sparkasse gegenüber und stellte ihn noch am selben Nachmittag. „Ich hab den Fahrraddieb überführt!", meldete er seinen Kollegen mit einer Begeisterung, die für die Schwere des Delikts etwas unverhältnismäßig war, aber in ihrer Aufrichtigkeit niemanden unberührt ließ.
Hubert gratulierte mit den Worten: „Manche Dinge regeln sich von selbst." Girwidz klopfte Riedl auf die Schulter und sagte „Ja, gut" in einem Tonfall, der alles Mögliche bedeuten konnte. Polizeirätin Kaiser trug den Fall als „aufgeklärt" in die Statistik ein.
Riedl hat den Vorgang in seinem Dienstnotizbuch unter der Überschrift „Mein erster eigener Fall" vermerkt. Das Dienstfahrrad wurde seitdem mit einem zusätzlichen Schloss gesichert.
Der 16-jährige Tatverdächtige wurde an seine Erziehungsberechtigten übergeben. Ein Verfahren wegen unbefugten Gebrauchs wurde eingeleitet.