Wolfratshausen — Der pensionierte Studienrat Werner Sigl geht seit 34 Jahren jeden Morgen in der Pupplinger Au spazieren. Er kennt jeden Baum, jeden Pfad, jede Bank. Er weiß, wo die Eisvögel brüten und wann die Isar nach der Schneeschmelze über die Ufer tritt. Was er nicht wusste: dass unter dem umgestürzten Stamm einer Rotbuche, etwa 200 Meter östlich des Hauptweges, etwas lag, das aussah wie ein menschlicher Oberschenkelknochen.

„Ich habe sofort die Polizei gerufen", berichtete Sigl, 71, dieser Zeitung. „Dann habe ich mich auf die Bank am Wegrand gesetzt und gewartet. Mir war ein bisschen schlecht. Aber hauptsächlich war mir kalt."

Die Polizei traf um 8:42 Uhr ein — diesmal nicht mit Wagen 3, der sich ausnahmsweise in fahrtüchtigem Zustand befand, sondern mit dem Dienstfahrrad, weil Polizeimeister Martin Riedl, der jüngste und gutmütigste Beamte des Reviers, als Erster verfügbar war und sein Kollege Reimund Girwidz, ein ehemaliger Polizeirat, der nach einem Undercover-Desaster zum Polizeiobermeister degradiert wurde, „noch nicht so weit" gewesen sei. Riedl sicherte die Fundstelle ab, was in der Praxis bedeutete, dass er sein Fahrrad quer über den Weg legte und daneben stand.

Polizeiobermeister Franz Hubert, einer der dienstältesten Beamten der Polizeiinspektion Wolfratshausen, und Girwidz trafen gegen 9:15 Uhr ein. Hubert begutachtete den Fund. Er kniete sich hin, betrachtete den Knochen, betrachtete den Boden, betrachtete den umgestürzten Baum. Er sagte: „Hm." Dann: „Ruf die Spurensicherung." Girwidz rief die Spurensicherung.

Was folgte, war ein Vormittag, der die Pupplinger Au — normalerweise das Revier von Joggern, Hundebesitzern und verliebten Paaren — in einen Tatort verwandelte. Der Wanderweg wurde auf einer Länge von 400 Metern gesperrt. Polizeirätin Sabine Kaiser, die strenge aber faire Leiterin der Inspektion, ordnete die Hinzuziehung des Kriminaldauerdienstes an. Zwei Streifenwagen aus Geretsried kamen zur Unterstützung. Ein Hund der Hundestaffel wurde angefordert, erschien aber nicht, weil er laut Auskunft seines Hundeführers „heute nicht seinen besten Tag" hatte.

Die Spurensicherung grub. Sie grub vorsichtig, wie man das tut, wenn man möglicherweise auf eine Leiche stößt. Sie fanden: einen weiteren Knochen. Dann noch einen. Dann eine Art Gebiss, das „definitiv nicht menschlich" aussah. Dann eine Tonscherbe.

Um 13:20 Uhr rief Dr. Elke Danninger vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege zurück, die von der Spurensicherung kontaktiert worden war. Ihre Einschätzung: „Das sind keine menschlichen Knochen. Das sind tierische Knochen, vermutlich Rind, vermutlich mehrere hundert Jahre alt. Die Tonscherbe deutet auf eine mittelalterliche Siedlungsstelle hin."

Girwidz war erleichtert. „Kein Mord", sagte er. „Zur Abwechslung mal." Hubert war weniger erleichtert als vielmehr interessiert. Er blieb noch eine Stunde vor Ort und sprach mit Dr. Danninger über die Geschichte der Pupplinger Au, während Girwidz im Auto saß und eine Breze aß, die er „für den Notfall" im Handschuhfach hatte.

Die Gemeinde hat den Fund inzwischen dem Landesamt gemeldet. Eine archäologische Voruntersuchung ist für April geplant. Es könnte sich um die Reste einer hochmittelalterlichen Viehweide oder einer Almhütte handeln — genaueres ist erst nach einer systematischen Grabung zu sagen.

Der Wanderweg wurde am Nachmittag wieder freigegeben. Werner Sigl war am nächsten Morgen wieder da, gleiche Route, gleiche Zeit. „Aufregung hin oder her", sagte er, „die Pupplinger Au ist immer noch der schönste Fleck im ganzen Landkreis." Er schaute sich allerdings, das gab er zu, „ein bisschen genauer um als sonst."

Riedl hat seinen Einsatzbericht unter dem Titel „Knochenfund (kein Verbrechen)" abgelegt. In Klammern, ordentlich und sauber wie immer.

Karl Brandhuber berichtet aus dem Landkreis. Er geht selbst gelegentlich in der Pupplinger Au spazieren und hat bisher nur Hundekot gefunden.