Wolfratshausen gilt als idyllische Kleinstadt am Zusammenfluss von Loisach und Isar. Fachwerkhäuser, Biergärten, Floßfahrten. Ein Ort, an dem die Welt noch in Ordnung ist — so das Bild, das die Stadtverwaltung gerne zeichnet. Die Realität sieht anders aus. Deutlich anders.
Diese Zeitung hat die Kriminalstatistik der vergangenen Jahre ausgewertet. Das Ergebnis ist alarmierend. Die Zahl der Tötungsdelikte im Zuständigkeitsbereich der Polizeiinspektion Wolfratshausen liegt so weit über dem Bundesdurchschnitt, dass man sich fragt, ob hier nicht längst eine Sonderkommission des LKA hätte eingreifen müssen.
Doch schauen wir uns die Fälle an. Denn hinter jeder Statistik stehen Schicksale — und in Wolfratshausen sind es Schicksale, die man kaum glauben würde, wenn sie nicht aktenkundig wären:
Der Mord im Schweinestall. Ja, Sie haben richtig gelesen. Ein Mensch wurde in einem Schweinestall in der Gemeinde Eurasburg getötet. In einem Schweinestall. Die Ermittlungen gestalteten sich — man verzeihe das Wortspiel — als „saumäßig kompliziert", wie ein Beamter vertraulich mitteilte. Die Spurenlage war durch die, nun ja, Mitbewohner des Tatorts erheblich kontaminiert.
Das Requiem für Miss Oberbayern. Eine junge Frau, frisch gekürte Schönheitskönigin, ermordet. Mitten in Wolfratshausen. Der Fall zeigte, dass hinter den Kulissen der oberbayerischen Schönheitswettbewerbe Abgründe lauern, die kein Dirndl der Welt verbergen kann. Neid, Missgunst, tödliche Rivalität — und mittendrin unsere Polizei mit ihrem Audi 80.
Das Konzert für eine Leiche. Bei einem Konzert in der Loisachhalle wurde eine Leiche entdeckt. Ein kulturelles Ereignis, das in Wolfratshausen seither eine ganz eigene Bedeutung hat. „Totenstille im Konzertsaal" war damals die Überschrift dieser Zeitung. Sie ist bis heute aktuell.
Der Tod an Loch 6. Auf dem Golfplatz bei Münsing wurde ein Mitglied der — sagen wir — „gehobenen Gesellschaft" ermordet. Ausgerechnet am sechsten Loch. Ein Par 4, wenn man es sportlich sehen will. Ein Mordfall, der bewies: Auch hinter den hohen Hecken der Golfclubs ist man in diesem Landkreis nicht sicher.
Die Floßfahrt ohne Wiederkehr. Ein Teilnehmer einer Isarfloßfahrt verschwand unter mysteriösen Umständen. Was als geselliger Ausflug begann, endete als Kriminalfall. Die Isar, die für Wolfratshausen Lebensader und Touristenattraktion zugleich ist, wurde zum Tatort.
Der Mord im Märchenwald. Im Freizeitpark bei Wolfratshausen — einem Ort, an dem Kinder Schneewittchen und Rotkäppchen besuchen — wurde eine Leiche gefunden. Zwischen Hexenhaus und Froschkönig. Der Fall traumatisierte eine ganze Generation Wolfratshauser Grundschüler.
Tod aus der Schnabeltasse. Im Seniorenheim am Isarweg starb ein Bewohner — und die Todesursache war weder Alter noch Krankheit. Die Schnabeltasse, eigentlich ein Instrument der Pflege, wurde zum Werkzeug eines Verbrechens. Die Abgründe dieses Falls möchte man sich lieber nicht ausmalen.
Waschen, Schneiden, Umlegen. Beim Friseur. Ja, beim Friseur. Im Damensalon „Haargenau" in der Bahnhofstraße wurde ein Kunde unter der Trockenhaube ermordet. Man kann in Wolfratshausen offenbar nicht einmal mehr in Ruhe zum Friseur gehen.
Fit in den Tod. Im Fitnessstudio „Body & Soul" in Geretsried — zugegeben, streng genommen nicht Wolfratshausen, aber im Zuständigkeitsbereich — endete ein Besuch auf dem Laufband tödlich. Und nein, nicht wegen eines Herzinfarkts.
Und das ist nur eine Auswahl. Diese Zeitung könnte die Liste fortsetzen. Seitenweise. Der tote Fischhändler — der Fall, mit dem für Hubert und Staller alles begann. Die „Fleischeslust" in der Metzgerei Oberhofer. Der Schlaflose in Wolfratshausen, der nie wieder aufwachte. Es nimmt kein Ende.
Stattdessen ermitteln in Wolfratshausen zwei Polizeiobermeister — von denen einer eigentlich Polizeirat war, bevor er degradiert wurde — und ein Polizeimeister auf dem Fahrrad. Erstaunlicherweise wird ein Großteil der Fälle tatsächlich aufgeklärt. Die Aufklärungsquote ist bemerkenswert. Ob dies an der Kompetenz der Ermittler liegt oder daran, dass Wolfratshausen klein genug ist, dass Geheimnisse schwer zu bewahren sind, darüber lässt sich streiten.
Die eigentliche Frage bleibt: Warum gibt es in Wolfratshausen so viele Morde? Was ist es an dieser scheinbar idyllischen Kleinstadt, das Menschen zu Mördern macht? Liegt es am Föhn? Am Bier? An der Enge einer Gemeinschaft, in der jeder jeden kennt?
Bürgermeisterin Kerstin Mayr wies die Darstellung als „reißerisch und unverantwortlich" zurück. Rechtsmedizinerin Dr. Anja Licht, die mehr Wolfratshauser Leichen seziert hat als jeder andere Mensch auf diesem Planeten, wollte sich nicht äußern — „aus professionellen Gründen." Was bei einer Frau, die jeden Tag mit dem Tod arbeitet, verständlich ist.
Die Kriminalstatistik allerdings spricht für sich. Und sie sagt: In dieser idyllischen Kleinstadt am Alpenrand sterben auffällig viele Menschen eines unnatürlichen Todes.
Man darf sich Sorgen machen. Man sollte sich Sorgen machen.
Die vollständige statistische Auswertung liegt der Redaktion vor. Das Polizeipräsidium Oberbayern Süd hat auf die Anfrage dieser Zeitung bislang nicht reagiert.