Eurasburg — In der Lindenstraße in Eurasburg, einer jener stillen Wohnstraßen, in denen die Rasen akkurat geschnitten und die Mülltonnen farblich sortiert sind, tobt seit vier Monaten ein Krieg. Es ist ein leiser Krieg, geführt mit Maßbändern, Einschreiben und bedeutungsvollen Blicken über den Gartenzaun. In seinem Zentrum steht eine Thujahecke, die 47 Zentimeter zu weit auf dem Grundstück von Erwin Breitmoser steht. Jedenfalls nach Ansicht von Erwin Breitmoser.

Sein Nachbar, der pensionierte Elektriker Rudolf Kraxner, sieht das anders. Die Hecke stehe „exakt auf der Grenze, wie seit 1987." Er habe damals, als er die Hecke pflanzte, sorgfältig den Grenzstein konsultiert. „Mit einem Lot", betonte er, als sei ein Lot ein juristisch unanfechtbares Instrument. „Und einer Wasserwaage."

Der Streit begann im November, als Breitmoser — ein 63-jähriger Steuerberater, der seine Freizeit hauptsächlich damit verbringt, Dinge zu vermessen, die andere Menschen in Ruhe lassen würden — bei Gartenarbeiten „eine Diskrepanz" zwischen dem Katasterplan und der tatsächlichen Position der Hecke feststellte. Er teilte Kraxner seine Beobachtung in einem dreiseitigen Brief mit, der nach Angaben des Empfängers „so formuliert war, als hätte jemand einen Steuerbescheid mit einem Drohbrief gekreuzt."

Kraxner antwortete nicht schriftlich, sondern mündlich, über den Zaun, an einem Samstagmorgen um 7:15 Uhr. Die genauen Worte sind strittig. Breitmoser beschreibt sie als „beleidigend und nicht wiedergabefähig." Kraxner beschreibt sie als „direkt, aber höflich." Die Wahrheit liegt, wie bei den meisten nachbarschaftlichen Kommunikationen, irgendwo dazwischen.

Im Dezember beauftragte Breitmoser einen Vermessungsingenieur. Kosten: 1.200 Euro. Das Ergebnis: Die Hecke stehe „teilweise auf dem Grundstück des Antragstellers", und zwar „an der breitesten Stelle um 47 Zentimeter." Kraxner konterte mit einem eigenen Gutachten: Die Hecke sei „grenzständig im Rahmen der üblichen Toleranz", die er mit 50 Zentimetern bezifferte — eine Zahl, die er, wie Breitmoser spitz anmerkte, „offensichtlich so gewählt hat, dass seine 47 Zentimeter gerade noch darunter fallen."

Im Februar schaltete Breitmoser die Gemeinde ein. Die Gemeinde verwies auf das Nachbarrecht. Im März schaltete Kraxner einen Anwalt ein. Der Anwalt verwies auf die Verjährung. Breitmoser drohte mit einer Klage. Kraxner drohte, die Hecke auf seiner Seite „derart zurückzuschneiden, dass sie aussieht wie nach einem Bombenangriff."

Am Freitag vergangener Woche rief Breitmoser die Polizei. Kraxner habe, so der Vorwurf, „provokativ nah an der strittigen Hecke gegrillt" und dabei „absichtlich Rauch in mein Schlafzimmerfenster geleitet." Kraxner erwiderte, er habe „drei Würstchen auf einem Kugelgrill gemacht, auf meinem Grundstück, bei leichtem Westwind." Der Wind, bemerkte er, sei nicht in seiner Verantwortung.

Polizeiobermeister Franz Hubert, einer der dienstältesten Beamten der Polizeiinspektion Wolfratshausen, erschien um 18:30 Uhr. Er betrachtete die Hecke. Er betrachtete den Grill. Er betrachtete beide Nachbarn, die auf ihren jeweiligen Grundstückshälften standen und sich gegenseitig ignorierten, was bei einem Abstand von drei Metern eine beachtliche Leistung war. Dann tat Hubert etwas, das niemand erwartet hatte: Er bat Kraxner um einen Gartenstuhl, setzte sich zwischen die beiden Grundstücke und fragte Breitmoser, ob er auch eine Wurst wolle.

Was in der nächsten Stunde geschah, beschrieben beide Parteien übereinstimmend als „unerwartet vernünftig." Hubert hörte zu. Er stellte Fragen. Er sagte wenig. Irgendwann, gegen 19:30 Uhr, als die Würstchen aufgegessen und die Positionen erläutert waren, schlug Hubert vor, Kraxner solle die Hecke um 25 Zentimeter zurückschneiden — ein Kompromiss, den er als „die Hälfte des Problems" bezeichnete. Breitmoser solle im Gegenzug auf die Klage verzichten und die Kosten für den Vermessungsingenieur selbst tragen.

Beide murrten. Beide stimmten zu.

Reimund Girwidz, sein nicht immer diplomatischer Kollege, der im Auto gewartet und das Ganze über Funk verfolgt hatte, kommentierte die Vermittlung mit den Worten: „Der Hubert löst Nachbarschaftsstreits, und ich bekomm die Morde." Man wusste nicht recht, ob das eine Beschwerde oder ein Kompliment war.

Die Hecke wurde am Samstag geschnitten. Kraxner und Breitmoser sprechen noch immer nicht miteinander. Aber sie grüßen — knapp, aber immerhin.

Martin Aigner berichtet aus dem Landkreis. Er hat selbst eine Thujahecke und wird sie ab sofort genauer nachmessen.