Wolfratshausen — Der Marienbrunnen am Marienplatz ist seit 1692 ein Wahrzeichen dieser Stadt. Er hat zwei Weltkriege überstanden, drei Generationen von Bürgermeistern, und einmal, in den Achtzigern, einen versehentlich hineingefahrenen Traktor. Was er noch nicht erlebt hatte: Pink.
Am Sonntagmorgen gegen 7:30 Uhr stellte der Stadtgärtner Alois Neumayer fest, dass das Wasser im Brunnen eine Farbe angenommen hatte, die er gegenüber der Polizei als „aggressive Himbeere" beschrieb. Lebensmittelfarbe, wie sich später herausstellte, in einer Menge, die Neumayer auf „mindestens zehn Packungen" schätzte. Die Madonnenstatue auf dem Brunnen blickte durch einen rosa Nebel aus Wasserdampf auf den menschenleeren Platz.
Die Polizei wurde um 7:45 Uhr verständigt. Polizeirätin Sabine Kaiser, die strenge aber faire Leiterin der Inspektion, entsandte Polizeiobermeister Franz Hubert, einer der dienstältesten Beamten der Polizeiinspektion Wolfratshausen, und seinen Kollegen Reimund Girwidz, einen ehemaligen Polizeirat, der nach einem Undercover-Desaster zum Polizeiobermeister degradiert wurde. Polizeimeister Martin Riedl, der jüngste und gutmütigste Beamte des Reviers, wurde zur Absperrung des Brunnens eingeteilt, wobei „Absperrung" in diesem Fall bedeutete, dass er neben dem Brunnen stand und Passanten bat, keine Fotos für soziale Medien zu machen. Er wurde ignoriert. Bis Mittag kursierte der pinke Brunnen auf sämtlichen Wolfratshausen-Gruppen im Internet, kommentiert mit Herz-Emojis und der wiederkehrenden Frage: „Ist das Kunst?"
Girwidz hatte, wie so oft, sofort einen Verdächtigen. „Das war die Antifa", erklärte er mit der Überzeugung eines Mannes, der den Begriff zwar nicht definieren, aber dafür umso energischer aussprechen kann. Hubert warf ihm jenen Blick zu, der im Revier als „der Stille Tadel" bekannt ist, und wandte sich der Spurensicherung zu.
Die Ermittlungen ergaben Folgendes: Die Tat wurde zwischen 2:00 und 5:00 Uhr morgens begangen. Der oder die Täter hatten die Farbe offenbar in mehreren Schüben eingebracht, was auf eine gewisse Planungstiefe hindeutet. Am Brunnenrand wurden Reste einer Tüte mit Lebensmittelfarbe sichergestellt. Fingerabdrücke: keine verwertbaren. Zeugen: ein Kater, der auf der Mauer des benachbarten Rathauses saß und keine Aussage machte.
Bürgermeisterin Claudia Hollerith — die zu diesem Zeitpunkt aus dem Urlaub in Meran angerufen werden musste, was ihre Laune nicht verbesserte — nannte die Tat eine „Sachbeschädigung mit offensichtlicher Signalwirkung" und kündigte an, die Reinigungskosten dem Verursacher in Rechnung zu stellen. Auf die Frage, welches Signal sie vermute, sagte sie: „Das wüsste ich auch gerne."
In den folgenden Tagen meldeten sich mehrere Gruppierungen, die die Aktion für sich beanspruchten: der Kunstverein Wolfratshausen („Es war Guerilla-Art"), die Jungen Liberalen im Landkreis („Ein Zeichen für Individualismus"), und ein anonymer Brief an die Redaktion, der lediglich den Satz enthielt: „Wolfratshausen braucht mehr Farbe." Die Handschrift war, das sei der Vollständigkeit halber erwähnt, weiblich, die Tinte lila, und das Briefpapier roch nach Lavendel.
Die Stadtreinigung benötigte zwei Tage, um den Brunnen wieder in seinen Originalzustand zu versetzen. Die Kosten beliefen sich auf 2.400 Euro, die laut Rathaus-Pressestelle „den Steuerzahler belasten, solange der Täter nicht ermittelt ist." Die Madonnenstatue hat an den Fingerspitzen noch einen leichten Rosastich.
Hubert hat den Fall als „offen" klassifiziert. Girwidz hat den Fall als „praktisch gelöst" klassifiziert, wobei er weder Beweise noch einen konkreten Verdächtigen vorweisen kann. Riedl hat vorgeschlagen, eine Überwachungskamera am Brunnen zu installieren. Kaiser hat gefragt, ob das im Budget sei. Es war nicht im Budget.
Am Mittwoch wurde der Brunnen wieder in Betrieb genommen. Das Wasser ist klar. Die Frage, wer den Brunnen pink gefärbt hat, bleibt es ebenfalls.
Barbara Hansen berichtet seit 2019 für den Wolfratshauser Kurier. Sie findet, dass Pink dem Brunnen gut stand — aber das ist keine offizielle Position der Redaktion.