Wolfratshausen — Es sollte ein schöner Abend werden. Samstagabend, das „Bella Vista" am Marienplatz, Kerzenlicht, der Duft von italienischer Küche. Sieben Gäste bestellten das Risotto ai Funghi — das Pilzrisotto, Spezialität des Hauses, empfohlen vom Kellner, gelobt in einer Online-Bewertung, die ironischerweise den Titel „Zum Sterben gut" trug.
Alle sieben landeten noch in derselben Nacht im Krankenhaus.
Die ersten Symptome traten gegen 22 Uhr auf. Übelkeit, Schwindel, Kreislaufversagen. Der Rettungsdienst wurde alarmiert. Drei Krankenwagen und ein Notarzt rückten zum Marienplatz aus — ein Großeinsatz, der Schaulustige und Angst gleichermaßen anlockte. Zwei der Betroffenen mussten auf die Intensivstation des Kreiskrankenhauses Wolfratshausen verlegt werden. Lebensgefahr bestand zeitweise bei einem 74-jährigen Mann aus Eurasburg, der als einziger den Nachschlag genommen hatte.
Das Gesundheitsamt ordnete die sofortige Schließung des Restaurants an. Die Küche wurde versiegelt. Sämtliche Lebensmittelvorräte wurden beschlagnahmt. Und dann begann die Frage, die ganz Wolfratshausen umtrieb: Was war in diesem Risotto?
Die Polizei — Polizeiobermeister Franz Hubert übernahm die Ermittlungen persönlich — schloss von Anfang an ein Versehen nicht aus, behandelte den Fall aber als potenzielles Tötungsdelikt. „Sieben Leute gleichzeitig vergiftet", sagte Hubert, als er die Küche betrat. „Das ist entweder Pech oder Absicht." Es war einer seiner längeren Sätze.
Rechtsmedizinerin Dr. Anja Licht analysierte die Proben. Die Ergebnisse, die dieser Zeitung exklusiv vorliegen, waren alarmierend: Im Risotto fanden sich Substanzen, die in keinem Pilzrisotto etwas zu suchen haben. Ob es sich um eine vorsätzliche Vergiftung, einen katastrophalen Fehler bei der Pilzbestimmung oder — wie der Koch behauptete — um „eine Verwechslung, die jedem hätte passieren können" handelte, war Gegenstand wochenlanger Ermittlungen.
Girwidz, der am Abend des Vorfalls ebenfalls im „Bella Vista" essen wollte und nur durch Zufall die Pizza statt das Risotto gewählt hatte, bezeichnete seine Menüentscheidung rückblickend als „Instinkt eines erfahrenen Ermittlers." Hubert kommentierte dies nicht.
Die Ermittlungen förderten ein Geflecht aus persönlichen Fehden, finanziellen Nöten und einer Küche zutage, deren Hygienestandards — diplomatisch formuliert — „Optimierungspotenzial" aufwiesen. Der Koch, ein gebürtiger Neapolitaner, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, beteuerte seine Unschuld. Der Restaurantbesitzer schwieg auf Anraten seines Anwalts. Und die sieben Opfer erholten sich langsam — wobei der 74-jährige Eurasburger angekündigt hat, „nie wieder italienisch essen" zu wollen.
Der Fall wurde aufgeklärt. Die Hintergründe waren, wie so oft in Wolfratshausen, komplizierter als erwartet. Die Details unterliegen derzeit noch der staatsanwaltschaftlichen Verschwiegenheit. Das Restaurant hat inzwischen unter neuer Leitung und neuem Koch wiedereröffnet. Das Pilzrisotto wurde von der Speisekarte gestrichen.
Der Name „Killerrisotto" allerdings dürfte dem „Bella Vista" noch lange anhaften. In Wolfratshausen vergisst man nicht so schnell. Schon gar nicht, wenn es um Essen geht.
Und wer sich fragt, ob das die einzige kulinarische Katastrophe in Wolfratshausen war: Nein. Diese Zeitung erinnert an die „Pizza Morte"-Affäre beim Lieferservice gegenüber, an den Finger im Brot bei der Bäckerei Rattlinger und an jenen denkwürdigen Abend, an dem Leiche und Kaffee im selben Lokal zusammentrafen. In Wolfratshausen sollte man vorsichtig sein, was man bestellt. Oder noch besser: selber kochen.
Barbara Hansen ist Redakteurin beim Wolfratshauser Kurier. Sie isst seitdem nur noch daheim. Hinweise an die Redaktion werden vertraulich behandelt.