Wolfratshausen — Die Isarfloßfahrt gehört zu Wolfratshausen wie die Breze zum Weißbier. Jedes Jahr setzen Hunderte auf die langen Holzflöße, um sich von der Isar treiben zu lassen — mit Blasmusik, Brotzeit und Bier. Es ist Tradition, es ist Tourismus, es ist bayerisches Lebensgefühl.

Seit dem vergangenen Samstag ist es auch ein Tatort.

Gegen 14 Uhr, zwischen Wolfratshausen und dem Ickinger Wehr, kippte ein Teilnehmer einer privat organisierten Floßfahrt über die Reling ins Wasser. Soweit keine ungewöhnliche Sache auf der Isar — Bierseligkeit und Gleichgewicht vertragen sich bekanntlich nur bedingt. Doch diesmal tauchte der Mann nicht wieder auf. Die Stimmung auf dem Floß kippte von ausgelassen zu panisch innerhalb von Sekunden.

Die Mitfahrer alarmierten die Polizei. Floßmeister Sepp Adlberger, ein erfahrener Isar-Mann, steuerte das Floß sofort ans Ufer. „So was hab ich in dreißig Jahren nicht erlebt", erklärte er später gegenüber dieser Zeitung. Auf die Frage, ob er den Vorfall hätte verhindern können, reagierte Adlberger einsilbig: „Fragen S' die Polizei."

Die Polizei allerdings war zunächst nicht vor Ort — und konnte es auch nicht sein. Wagen 3, der einzige Streifenwagen der Inspektion, hatte exakt zum Zeitpunkt des Notrufs auf der Geretsrieder Straße seinen Geist aufgegeben. Motorschaden. Polizeimeister Riedl wurde auf dem Dienstfahrrad losgeschickt. Ein Umstand, den Barbara Hansen in ihrer Kolumne bereits ausführlich gewürdigt hat.

Die Wasserwacht Bad Tölz rückte aus und barg den Vermissten schließlich an einem Brückenpfeiler — unterkühlt, aber lebend. Die Erleichterung war groß. Doch die Ermittlungen, die Polizeiobermeister Hubert anschließend einleitete, deuten darauf hin, dass der Sturz ins Wasser kein Unfall war.

Mehrere Zeugen auf dem Floß berichteten von einem „Streit" kurz vor dem Vorfall. Es soll um Geld gegangen sein, möglicherweise um ein Grundstück am Isar-Ufer. Hubert befragte die Teilnehmer einzeln — eine Prozedur, die er mit jener geduldigen Gründlichkeit durchführte, die Verdächtige erfahrungsgemäß nervöser macht als jedes Verhör. „Ich höre einfach nur zu", pflegt Hubert zu sagen. Was stimmt. Und genau das macht ihn gefährlich.

Girwidz, der inzwischen mit seinem Privatwagen am Einsatzort eingetroffen war, übernahm die „Sicherung der Peripherie" — eine Aufgabe, die er sich selbst zugewiesen hatte und die im Wesentlichen darin bestand, Schaulustige fernzuhalten und dabei „sehr beschäftigt" auszusehen.

Rechtsmedizinerin Dr. Anja Licht untersuchte den Geretteten im Krankenhaus und stellte Verletzungen fest, die „nicht zum Sturzprofil passen", wie sie in einer knappen Stellungnahme formulierte. Die Ermittlungen dauern an.

Die Floßmeisterzunft Wolfratshausen hat sich bislang nicht zu dem Vorfall geäußert. Die Tourismus-Gemeinschaft betont, dass Isarfloßfahrten „sichere und geprüfte Freizeitangebote" seien. Das mag grundsätzlich stimmen. Aber in Wolfratshausen, das hat die Vergangenheit gezeigt, ist grundsätzlich mit allem zu rechnen.

Hinweise nimmt die Polizeiinspektion Wolfratshausen unter (08171) 42 11-0 entgegen.