Wolfratshausen — Es gibt verschiedene Arten von Stille. Die Stille eines Waldes in der Morgendämmerung. Die Stille einer leeren Kirche. Und seit Dienstag die Stille von Polizeiobermeister Franz Hubert, einer der dienstältesten Beamten der Polizeiinspektion Wolfratshausen, die sich von den ersten beiden dadurch unterscheidet, dass sie seinen Kollegen Reimund Girwidz, einen ehemaligen Polizeirat, der nach einem Undercover-Desaster zum Polizeiobermeister degradiert wurde, in den Wahnsinn treibt.

Hubert schweigt. Vollständig. Kein „Guten Morgen", kein „Mhm", kein „Interessant" — und gerade Letzteres, so Girwidz gegenüber dieser Zeitung, sei „das eigentlich Beunruhigende." Denn „Interessant" sei Huberts universelles Kommunikationsmittel, eine Art Schweizer Taschenmesser der deutschen Sprache, mit dem er bisher jede Situation gemeistert habe: Mordermittlungen, Dienstbesprechungen, Girwidz' Urlaubsfotos.

Begonnen hat das Schweigen am Dienstag gegen 8:15 Uhr. Girwidz berichtet, er habe Hubert wie jeden Morgen eine detaillierte Zusammenfassung seines Abendessens vom Vortag geliefert — „Schweinsbraten, Kartoffelknödel, ein Helles, dann noch ein Helles, dann ist mir aufgefallen, dass ich noch ein Helles haben könnte." Hubert habe daraufhin seinen Blick vom Fenster abgewendet, Girwidz angesehen, den Mund leicht geöffnet — und ihn dann wieder geschlossen. Wie ein Fisch, der sich im letzten Moment gegen die Wasseroberfläche entscheidet.

Seitdem: nichts.

Die Theorien im Revier gehen auseinander. Girwidz vermutet eine „mittelschwere Persönlichkeitskrise", ausgelöst möglicherweise durch den Verlust eines geliebten Gegenstands, eine unerwartete Erkenntnis über die menschliche Natur oder — sein persönlicher Favorit — durch ein falsches Horoskop. „Der Hubert liest immer als Erstes das Horoskop", verriet Girwidz. „Wenn da steht ‚Kommunikation ist heute Ihr Trumpf', dann redet er den ganzen Tag. Wenn da steht ‚Rückzug bringt Klarheit' — na ja." Er machte eine Geste, die „dann haben wir den Salat" bedeuten sollte.

Polizeimeister Martin Riedl, der jüngste und gutmütigste Beamte des Reviers, der Huberts Schweigen zunächst gar nicht bemerkt hatte — „Der sagt doch eh nie viel" —, versuchte am Mittwoch, die Situation mit einem selbst gebackenen Kuchen zu lösen. Rührteig mit Schokolade, nach dem Rezept seiner Mutter. Er stellte den Kuchen auf Huberts Schreibtisch und sagte: „Herr Hubert, ich hab Ihnen was mitgebracht." Hubert betrachtete den Kuchen. Dann Riedl. Dann wieder den Kuchen. Er nahm sich ein Stück, aß es mit erkennbarem Wohlwollen, nickte Riedl zu — und schwieg weiter.

„Das Nicken war ermutigend", interpretierte Riedl. Girwidz widersprach: „Das Nicken galt dem Kuchen, nicht der zwischenmenschlichen Kommunikation."

Am Donnerstag schaltete sich Polizeirätin Sabine Kaiser, die strenge aber faire Leiterin der Inspektion, ein. Sie bat Hubert zu einem vertraulichen Gespräch — oder, genauer gesagt, zu einem vertraulichen Monolog, bei dem sie sprach und er zuhörte. „Herr Hubert", habe sie gesagt, „wenn es etwas gibt, das Sie belastet, können Sie sich jederzeit an mich wenden." Hubert habe genickt. Dann habe er, und dies bestätigen zwei Zeugen unabhängig voneinander, fast unmerklich gelächelt. „Es war das Lächeln eines Mannes, der genau weiß, was er tut", sagte Kaiser anschließend. „Und das beunruhigt mich mehr als das Schweigen."

Der Dienstbetrieb, das muss man fairerweise sagen, lief in den drei Tagen reibungslos. Hubert erledigte seinen Papierkram, fuhr Streife (allein, weil Girwidz sich weigerte, „acht Stunden neben einem menschlichen Grabstein zu sitzen"), und nahm sogar eine Anzeige wegen Sachbeschädigung auf — schriftlich, auf einem DIN-A4-Blatt, mit einer Handschrift, die Girwidz als „beängstigend ordentlich" beschrieb.

Am Freitagmorgen, kurz vor Redaktionsschluss, sprach Hubert dann sein erstes Wort seit Dienstag. Es geschah um 9:47 Uhr, als Girwidz ihm mitteilte, die Kaffeemaschine sei wieder defekt. Hubert sah von seinem Bericht auf, seufzte fast unhörbar und sagte: „Natürlich."

Dann schwieg er weiter.

Karl Brandhuber ist Lokalredakteur beim Wolfratshauser Kurier. Er hat Hubert um eine Stellungnahme gebeten und erwartungsgemäß keine bekommen.