Wolfratshausen — Die Nachricht, dass Polizeiobermeister Reimund Girwidz politische Ambitionen hegt, ist in Wolfratshausen ungefähr so überraschend wie Regen im November. Dass er diese Ambitionen am Montagmorgen im Pausenraum des Reviers erneut und mit Nachdruck verkündete, gehört mittlerweile zu den festen Ritualen des Wolfratshauser Jahreskalenders — irgendwo zwischen Faschingsumzug und Volksfest.
„Wolfratshausen braucht eine starke Hand", erklärte Girwidz gegenüber dieser Zeitung, wobei er sich demonstrativ in seinem Schreibtischstuhl aufrichtete. „Jemanden, der Erfahrung in Führungspositionen mitbringt." Auf den Einwand, dass er seit seiner Degradierung zum Polizeiobermeister keine Führungsposition mehr bekleide, reagierte Girwidz mit jenem Blick, den seine Kollegen als „Phase Zwei" kennen — der Übergang von freundlicher Selbstdarstellung zu gereizter Verteidigung. „Ich habe dieses Revier jahrelang geleitet", betonte er. „Das vergisst man nicht. Das hat man im Blut."
Was manche Wolfratshauser allerdings ebenfalls nicht vergessen haben, ist jener denkwürdige Zeitraum nach Girwidz' Degradierung, als der gefallene Polizeirat vorübergehend an der Supermarktkasse in Geretsried arbeiten musste. An Kasse 3 — ausgerechnet die gleiche Nummer wie der legendäre Streifenwagen. Ob das Schicksal oder das Personalamt hier mit bitterem Humor operierte, ist ungeklärt. Jedenfalls saß ein Mann, der kurz zuvor noch die Polizeiinspektion geleitet hatte, an der Scannerkasse und fragte Kunden nach der Payback-Karte.
Ludwig Angermeier vom Stammtisch des Gasthofs Post erinnert sich: „Ich hab mir bei ihm mal eine Leberkässemmel und ein Augustiner gescannt lassen. Er hat das Augustiner mit einem Blick angeschaut, als wollte er es festnehmen." Ein anderer Stammgast ergänzt: „Und dann will er Bürgermeister werden? Ein Mann, der an der Kasse schon an der Obstwaage gescheitert ist?"
Polizeirätin Kaiser, die eigentliche Dienststellenleiterin, nahm die Ankündigung ihres Untergebenen mit professioneller Ruhe zur Kenntnis und verwies auf die „selbstverständliche Trennung von Dienstpflicht und privaten politischen Betätigungen." Hubert, der während Girwidz' Ankündigung den Polizeibericht vom Wochenende las, blickte kurz auf und sagte: „Du brauchst Unterschriften." Dann las er weiter.
Girwidz selbst ließ sich von der verhaltenen Resonanz nicht beirren. Er habe bereits begonnen, ein „Acht-Punkte-Programm für ein modernes Wolfratshausen" auszuarbeiten. Details nannte er nicht, deutete aber an, dass die Verkehrssituation in der Marktstraße und die „völlig unzureichende Ausstattung der örtlichen Sicherheitsbehörden" — gemeint war offenbar sein eigenes Revier — zu den Schwerpunkten gehörten. Auf die Frage, ob er auch eine Reform des lokalen Einzelhandels plane, wurde Girwidz auffallend still. Das Wort „Kasse" fiel nicht.
Riedl bot an, Wahlplakate mit dem Dienstfahrrad zu verteilen, was Girwidz mit einem längeren Schweigen beantwortete.
Die nächste Gemeinderatssitzung findet am 19. März um 19 Uhr im Rathaus statt. Eine Kandidatur Girwidz' steht bislang nicht auf der Tagesordnung.