Wolfratshausen — Es gibt Entscheidungen, die einen Mann definieren. Der Tag, an dem Reimund Girwidz, ein ehemaliger Polizeirat, der nach einem Undercover-Desaster zum Polizeiobermeister degradiert wurde, beschloss, eine Diät zu beginnen, wird als eine solche in die Geschichte des Wolfratshauser Polizeireviers eingehen — irgendwo zwischen der Einführung der Dienstvorschrift 47b und dem Tag, an dem die Kaffeemaschine zum ersten Mal explodierte.

Begonnen hat alles vor drei Wochen, als Girwidz' Hausarzt — Dr. Brandstätter, der geduldigste Mann im Landkreis — ihm mitteilte, dass sein Cholesterin „Werte erreicht hat, die normalerweise Industrienationen vorbehalten sind." Die genauen Zahlen unterliegen der ärztlichen Schweigepflicht. Girwidz selbst beschrieb sie als „leicht erhöht." Dr. Brandstätter, so hört man, habe das Wort „leicht" mit einem Gesichtsausdruck quittiert, der normalerweise Beerdigungen vorbehalten ist.

Die erste Woche verlief, wie Diäten in der ersten Woche eben verlaufen: mit der irrationalen Begeisterung eines Mannes, der sein Leben ändern will. Girwidz ersetzte sein Frühstück — bisher zwei Semmeln mit Leberkäse und ein Kaffee mit vier Stück Zucker — durch „einen Joghurt und ein halbes Knäckebrot." Er brachte eine Tupperdose mit Salat ins Revier. Der Salat enthielt Rucola. Girwidz hatte noch nie Rucola gegessen. „Schmeckt wie eine Wiese", teilte er Polizeiobermeister Franz Hubert, einem der dienstältesten Beamten der Polizeiinspektion Wolfratshausen, mit. Hubert sagte nichts, was Girwidz als Zustimmung interpretierte.

In der zweiten Woche begann der Verfall. Girwidz' Laune, ohnehin nicht sein stärkstes Merkmal, verschlechterte sich messbar. Bei einer Geschwindigkeitskontrolle auf der B11 beschrieb er einen Autofahrer, der 53 in einer 50er-Zone fuhr, als „gemeingefährlich." Er stritt sich mit dem Getränkeautomaten im Flur, weil dieser „absichtlich die kalorienärmste Option ganz unten" platziere. Und er verbrachte auffällig viel Zeit am Fenster seines Büros, von dem aus man den Imbiss am Marienplatz sehen kann.

Hubert beobachtete das alles mit der schweigenden Anteilnahme eines Mannes, der selbst nie eine Diät gemacht hat, weil er zu jenen Menschen gehört, die essen können, was sie wollen, ohne dass sich an ihrem Körper irgendetwas verändert. Eine Eigenschaft, die Girwidz als „genetisch ungerecht" bezeichnet.

Polizeimeister Martin Riedl, der jüngste und gutmütigste Beamte des Reviers, versuchte zu helfen. Er druckte eine Liste mit „10 leckeren kalorienarmen Rezepten" aus dem Internet aus und legte sie auf Girwidz' Schreibtisch. Girwidz las den ersten Vorschlag — „Zucchini-Spaghetti mit Avocado-Pesto" — und fragte Riedl, ob er ihn „auf den Arm nehmen" wolle. Die Liste landete im Papierkorb. Riedl fischte sie wieder heraus und legte sie in den Recycling-Behälter, weil Mülltrennung ihm wichtig ist.

Am Dienstag dieser Woche, Tag 16 der Diät, brach Girwidz. Es geschah gegen 12:30 Uhr. Girwidz saß vor seinem Knäckebrot, kaute mit der Entschlossenheit eines Mannes, der sich selbst bestraft, und stand plötzlich auf. „Ich gehe mal kurz raus", sagte er. „Luft schnappen." Er kam 45 Minuten später zurück. Seine Finger rochen nach Currywurst.

Hubert sagte nichts. Riedl sagte nichts. Polizeirätin Sabine Kaiser, die strenge aber faire Leiterin der Inspektion, die zufällig vorbeiging, schnupperte, hob eine Augenbraue und ging weiter.

Am Mittwoch brachte Girwidz wieder seinen Salat mit. Der Salat enthielt diesmal Putenstreifen, Mais und ein Dressing, das nach seinen Angaben „sogar schmeckt." Man könnte das als Fortschritt werten. Man könnte es auch als Kapitulation auf Raten sehen.

Dr. Brandstätter hat für nächste Woche den nächsten Bluttest angesetzt. Girwidz bereitet sich vor. Am Donnerstag hat er im Revier gefragt, ob jemand wisse, ob Cholesterin kurzfristig sinken könne, wenn man „ein paar Tage wirklich brav" sei. Hubert hat — zum ersten Mal seit Tagen — gelächelt.

Stefanie Brenner berichtet regelmäßig über das Innenleben des Wolfratshauser Polizeireviers. Ihre Kolumne „Aus dem Revier" erscheint unregelmäßig, aber immer dann, wenn es etwas zu berichten gibt.