Es gibt Dinge, die möchte man morgens beim Frühstück nicht in seinem Brot finden. Ein Haar vielleicht. Ein Stück Backpapier. Aber einen menschlichen Finger?
Genau das passierte der Wolfratshauser Rentnerin Irmgard Seefeldt (71) am vergangenen Donnerstag. Frau Seefeldt hatte, wie jeden Morgen, ihr Bauernbrot bei der Bäckerei Rattlinger in der Bahnhofstraße gekauft. Zu Hause, beim Aufschneiden des Laibes, stieß sie auf etwas, das zunächst für eine ungewöhnlich geformte Rosine hielt. Es war keine Rosine.
„Ich hab geschrien", berichtet Frau Seefeldt dieser Zeitung mit noch immer zitternden Händen. „Dann hab ich nochmal geschrien. Dann hab ich die 110 gerufen." Ein Ablauf, der unter den gegebenen Umständen als vollkommen angemessen gelten darf.
Die Polizei — namentlich die Polizeiobermeister Hubert und Staller, letzterer damals noch im Dienst — war innerhalb von zwanzig Minuten vor Ort. Staller, so berichten Augenzeugen, wurde „sichtbar blass", als er das Beweismittel in Augenschein nahm. Hubert hingegen betrachtete den Finger mit jener klinischen Ruhe, die ihn auszeichnet, und sagte: „Rechte Hand. Ringfinger. Männlich." Dann rief er die Rechtsmedizin an.
Was folgte, war ein Großeinsatz, wie ihn die Bahnhofstraße selten erlebt hat. Das Gesundheitsamt rückte an. Die Bäckerei wurde sofort geschlossen. Sämtliche Backwaren des Tages wurden sichergestellt — zum Leidwesen von Girwidz, der gerade seine Mittagsbreze bestellen wollte und vor einem Absperrband stand. „Kein Brot, keine Brezen, kein gar nichts", klagte er. „Und warum? Wegen einem Finger!"
Die Spurensicherung untersuchte die Backstube. Die Ergebnisse waren — man muss es so sagen — erschütternd. Nicht nur der Finger gab Rätsel auf. Die gesamte Produktionskette musste überprüft werden. Mehl, Teig, Öfen, Maschinen. Rechtsmedizinerin Dr. Anja Licht identifizierte den Finger anhand einer alten Verletzungsnarbe. Die Zuordnung führte die Ermittler auf eine Spur, die niemand erwartet hatte — und die diese Zeitung zum jetzigen Zeitpunkt aus ermittlungstechnischen Gründen nicht vollständig wiedergeben kann.
So viel sei gesagt: Der Finger gehörte nicht, wie zunächst vermutet, einem Bäckereiarbeiter. Die Hintergründe waren weitaus komplizierter — und weitaus krimineller. Hubert und Staller ermittelten wochenlang, bis der Fall aufgeklärt war. Die Einzelheiten sind aktenkundig und lesen sich wie ein schlechter Krimi — mit dem Unterschied, dass sie wahr sind.
Die Bäckerei durfte nach dreiwöchiger Schließung und umfassender Sanierung wiedereröffnen. Der Ruf war dennoch beschädigt. Der damalige Inhaber gab wenig später auf. Die Bäckerei steht heute unter neuer Leitung — Yazid, der Mann, der „alles macht", hat sie übernommen. Ob das eine Verbesserung darstellt, darüber gehen die Meinungen in Wolfratshausen auseinander.
Frau Seefeldt kauft ihr Brot seitdem beim Discounter in Geretsried. „Da weiß man, was man kriegt", sagt sie. Auf die Frage, ob sie der Bäckerei Rattlinger unter dem neuen Inhaber eine Chance geben würde, schüttelt sie den Kopf. „Einmal Finger im Brot reicht für ein ganzes Leben."
Da hat sie nicht Unrecht.
Barbara Hansen ist Redakteurin beim Wolfratshauser Kurier. Sie kauft ihr Brot seitdem ebenfalls woanders. Hinweise an die Redaktion werden vertraulich behandelt.