Wolfratshausen — Die Bäckerei Rattlinger in der Bahnhofstraße gehört zu Wolfratshausen wie die Isar und die Loisachbrücke. Seit drei Generationen versorgte die Familie Rattlinger die Stadt mit Semmeln, Brezen und Apfelstrudel, pünktlich ab 6 Uhr morgens, verlässlich wie ein Schweizer Uhrwerk. Seit dem vergangenen Herbst wird das Uhrwerk von einem Mann betrieben, dessen Verhältnis zu Pünktlichkeit und Verlässlichkeit man als „kreativ" bezeichnen könnte.

Yazid — Nachname wie immer unbekannt —, bislang vor allem als Inhaber der Kfz-Werkstatt „Ich mach alles" stadtbekannt, übernahm die Bäckerei nach der Pensionierung der langjährigen Inhaberin. „Brot und Autos", erklärte Yazid damals, „das ist beides Handwerk. Und Handwerk kann ich."

Die Realität gestaltet sich komplizierter. Stammkundin Elfriede Huber (78) berichtet, dass sie am vergangenen Dienstag um 7:15 Uhr vor verschlossener Tür stand. An der Tür hing ein handgeschriebener Zettel: „Bin gleich zurück. Oder später. Yazid." Frau Huber, die seit 43 Jahren ihre Morgensemmeln bei Rattlinger kauft, bezeichnet die Situation als „unhaltbar". Am Mittwoch habe die Bäckerei dann bereits um 5:30 Uhr geöffnet, was Frau Huber wiederum verpasste.

Yazid selbst sieht kein Problem. „Ich bin halt manchmal auch in der Werkstatt", erklärte er auf Nachfrage dieser Zeitung. „Da kommt um halb sieben einer mit einem Getriebeschaden, den kann ich ja nicht wegschicken." Dass er deshalb die Bäckerei erst um 8 Uhr öffne, sei „halt so." Die Brezen seien aber „einwandfrei", betonte er, und wer etwas anderes behaupte, habe „keine Ahnung von Brezen."

Nicht alle teilen diese Einschätzung — und nicht alle haben die Vergangenheit des Ladens vergessen. Ältere Wolfratshauser erinnern sich noch lebhaft an den berüchtigten „Finger im Brot"-Skandal, als unter dem vorherigen Besitzer ein menschlicher Finger in einem Brotlaib gefunden wurde. Der Fall, den Hubert und der damals noch aktive Staller aufklärten, beschäftigte das Gesundheitsamt wochenlang und machte die Bäckerei über die Landkreisgrenzen hinaus bekannt — allerdings nicht im positiven Sinne. Dass Yazid den Laden trotz dieser Geschichte übernahm, zeugt entweder von unternehmerischem Mut oder von einer bemerkenswerten Unkenntnis der Lokalhistorie.

Und dann war da noch die „Glücksbreze"-Aktion, kurz nach der Übernahme: Yazid versteckte Plastik-Glücksbringer in Brezen — eine Idee, die das Gesundheitsamt erneut auf den Plan rief, nachdem eine Kundin beinahe daran erstickt war.

Bäckermeister a.D. Georg Rattlinger (81), der Großvater der vorherigen Inhaberin, soll die neuen Brezen als „interessant" bezeichnet haben — ein Wort, das in bäckerischen Kreisen Oberbayerns etwa so viel Anerkennung ausdrückt wie ein Achselzucken. Girwidz hingegen, der regelmäßig seine Mittagsbrezen dort kauft, lobt das „hervorragende Preis-Leistungs-Verhältnis", wobei unklar ist, ob dies die Qualität der Backwaren oder den Umstand betrifft, dass Yazid ihm nach eigener Aussage „Polizeirabatt" gewährt.

Hubert äußert sich zur Bäckerei grundsätzlich nicht, kauft aber nach Beobachtungen dieser Zeitung seine Semmeln seit einigen Wochen bei der Filiale einer Münchner Kette am Bahnhof. Auf die Frage, ob dies mit dem Finger-Vorfall zusammenhänge, sagte er: „Ich mag die Semmeln da." Mehr war nicht zu erfahren.

Weniger Sorgen bereitet die kulinarische Konkurrenz: Das Restaurant „Bella Vista" am Marienplatz, das im vergangenen Jahr nach einer lebensmittelpolizeilichen Überprüfung — Stichwort „Killerrisotto", ein Name, der sich nach einer Lebensmittelvergiftung mehrerer Gäste in den sozialen Medien verbreitete — vorübergehend schließen musste, hat inzwischen unter neuer Leitung wiedereröffnet. Auch die „Pizza Morte" genannte Affäre beim Pizzaservice gegenüber scheint überstanden. Die Wolfratshauser Gastronomie ist offenbar unverwüstlich — auch wenn die Namengebung der lokalen Skandale etwas anderes vermuten lässt.

Die Bäckerei Rattlinger befindet sich in der Bahnhofstraße 12. Öffnungszeiten laut Aushang: „Mo–Sa, meistens morgens." Telefonische Nachfrage wird empfohlen — wenn Yazid abnimmt.